[Kolumne] Ich kann es nicht mehr hören: Generation Y. Na und?

18 März 2015
«Hallo, ihr Berufsmusiker und freien Journalisten, ihr wissenschaftlichen Mitarbeiter mit euren befristeten Verträgen, ihr Geisteswissenschaftler, ihr Mittdreißiger in den Altbauwohnungen in den gefragten Wohnlagen mit Staffelmieten, dieses Buch ist für euch. Kristine Bilkaus Debütroman "Die Glücklichen" könnte von jedem von euch handeln, und in gewisser Weise tut es das auch.», schreibt der Spiegel in seiner Kultursparte und präsentiert Bilkaus Roman als Lesetipp.
Dieses neue Buch werde ich auch lesen.
Nicht, weil alle es lesen. Nicht, weil es mir empfohlen wurde. Nicht, weil angeblich jeder "Berufsmusiker" und "freier Journalist" sich damit identifizieren kann. Nicht, weil es sich mit allen "wissenschaftlichen Mitarbeitern ohne Festanstellung" oder "Geisteswissenschaftlern" identifizieren kann. Und weil ich mich damit auch identifizieren sollte. Weil ich nämlich auch "so eine" bin.

Nein. Ich werde es lesen, weil ich sauer bin. Sauer, dass unsere Generation ver-y-lonisiert wird. Sauer, dass keiner begreift, wie anstrengend ein Geisteswissenschaftsstudium sein kann. Sauer, weil keiner erkennt, wie viel Herzblut darin stecken kann. Sauer, dass unsere Eltern uns eingetrichtert haben: "Mach das, was Dir Spaß macht! Nur dann ist Dein Leben ausgefüllt!" und dann nicht begreifen, dass man gerne seine Nase in Bücher steckt, gerne philosophiert, gerne noch träumt, solange man träumen kann.

Sauer, weil wir, wir, für alle nur noch die Generation Y sind.

Generation Y.

Und selbst wenn wir eben noch nicht wissen, wo wir hin wollen, unsere Wege noch nicht gekennzeichnet sind, unsere Augen noch leuchten, wenn wir an die Zukunft denken und wir uns alles ausmalen.
Und auch wenn diese Vorstellung eine Altbauwohnung beinhaltet, in einem hippen Viertel und eine Leinwand mitten im Wohnzimmer steht, obwohl keiner der Bewohner malen kann.
Wenn jeder sagt, unsereGeneration, diese Generation Y, ist verloren, verloren in zzu vielen Möglichkeiten, verloren in zu viel Tagträumereien, verloren in zu wenig handfester Orientierung wenn das jeder sagt dann lache ich.
Denn genau dann ist vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens.

Ich trinke gerne Latte Macchiato. Und ich achte bewusst auf Ernährung. Und eigentlich kaufe ich auch gerne Bio und auf dem Markt und ohne Plastiktüte, stattdessen mit Jutetasche. Ich mag es, noch nicht zu wissen, wo es hin geht. Manchmal. Und ich habe Angst vor der Zukunft wie jeder andere. Manchmal.
So wie andere auch, so wie viele andere, hunderte andere auch. Andere, die auch Generation Y sind. Aber wieso muss man darüber schreiben? Wieso muss man unserer Generation mit einem Buchstaben aus dem Alphabet versehen und dann auch noch mit dem vorletzten? Unsere Generation, die angeblich so ziellos ist und so hipster und so "leck mich doch" und so cool und bio und was wir nicht alles sind und sein können, wenn wir erst mal sind, wer wir sind.

Ich bin sauer, dass man nicht einfach träumerische Leben leben darf, wenn man möchte. Oder dass man auf die Umwelt achten darf, wenn man Lust dazu hat. Dass Tulpen einfach schöne Blumen sind und Avocados eben schmecken.
Weil wir das sind. Und weil wir so sein dürfen. Und uns nicht schämen dafür.
Weil jede Generation so sein durfte, wie sie war.
Nur wir, wir werden ver-y-lonisiert.

Wir, die Y´s, wir können alles sein und alles wollen und alles werden.


Wir brauchen kein Y dazu.

Generation Y

Generation Y
Geisteswissenschaftliches Studium? Liebend gerne!

Kommentare on "[Kolumne] Ich kann es nicht mehr hören: Generation Y. Na und?"
  1. Ich habe gerade deinen Post gelesen und bin total begeistert.
    Super geschrieben und bin total deiner Meinung <3
    Außerdem sind die Bilder auch sehr schön :)

    Liebe Grüße
    petite fabéli

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  2. Ich hab mal unter irgendeinem Artikel über unsere 'Generation Y' (wie schlau oder unschlau diese Bezeichnung ist, sei jetzt mal dahingestellt) einen recht schlauen Kommentar gelesen:

    Da schrieb ein älterer Herr nämlich: (sinngemäß) Irgendetwas muss diese Generation junger Leute ja richtig machen, dass sie von uns Alten kritisiert wird.
    Ist es nicht also immer so, dass die früheren Generationen sich über den neuen Lebenswandel der jüngeren Generation aufregen, sie kritisieren?
    Ich glaube ja.
    Und trotzdem lass ich mich nicht davon abbringen Sozialwissenschaften zu studieren, zu reisen, bis mittags zu schlafen, auf dem Markt mit Jutebeutel einkaufen zu gehen, 'Gutmensch' zu sein.... weil es mir gut tut.

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  3. Wie schön und passend dein Text geschrieben war. Ich weiß auch nicht, warum man unsere Generation so "negativ" darstellen muss, auch noch mit einem blöden Buchstaben versehen.
    Ich liebe nun mal Avocado und was ist schlimm daran, mit einem Jutebeutel einkaufen zu gehen? Ich werde auf nichts davon verzichten.
    Schöne Bilder hast du auch dazu.
    Liebe Grüße
    Steffi
    http://steffi-worthreading.blogspot.de

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  4. Danke an Euch für Eure lieben Worte!
    Ich freue mich tierisch darüber, dass noch andere so denken und ich nicht die Einzige bin, die immer wieder mit dem "Vorurteil" kämpfen muss, zu einer Buchstaben Generation zu gehören!

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  5. Hach ja.. es ist doch irgendwie immer das gleiche. Früher wurde über die Generation X genörgelt weil sie zu aufmüpfig waren - jetzt meckern genau jene darüber dass unsere Generation "Y" zu verträumt ist.... Als hätte man nicht dazu gelernt. Keine Generation kann man unter einem Buchstaben zusammen fügen.
    Es gibt halt einfach Strömungen, "Trends" wenn man es so nennen möchte und immer, ja immer sind die vorherigen Generationen mitverantwortlich für das Verhalten der Neuen ;)

    Ich lächle nur noch müde darüber und hoffe, dass wir dann nicht über die Generation Z nörgeln müssen, weil uns die Jugend abhanden gekommen ist...

    Ansonsten guter Post :) Lustig ich habe mir selbst in meinem letzten Post auch in gewisser Weise Gedanken über "unsere" Generation und "unsere" Problematik gemacht, nur eben ohne das böse Y :D

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    1. Da hast du wohl Recht...Und hoffentlich behältst Du auch weiter Recht- die Generation X? Nein danke!

      Es ist gut und vor allem wichtig, dass wir so viel darüber nachdenken!

      Liebst,

      Mona

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  6. Musste letzte Woche eine Hausarbeit über Generation Y abgeben.
    Fand es mega interessant, aber muss dir das völlig Recht geben.
    Toller Artikel mit viel Herzblut :)

    Liebe Grüße
    Eva
    www.the-mysterious-world-of-eve.blogspot.de

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    1. Vielen Dank für Deine tollen Worte! Ich hoffe, die Hausarbeit wird ein Erfolg :-)

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  7. Du hast ein Talent zum schreiben! Sehr schön.

    www.mintmary.com

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